Wer fragt, gewinnt! (Teil IV)
Thursday, January 14. 2010
Wissen und Stellensuche
Mut und Selbstbewusstsein können durch Wissen ersetzt werden. Wer den Weg kennt, muss sich weniger Sorgen darüber machen, sich zu verlaufen, wenn er losgeht. Sich für die Stellensuche das richtige, wirklich hilfreiche Wissen zu verschaffen, ist nicht ganz einfach, denn es verlangt, aus gängigen Denkmustern auszubrechen und sich nicht mehr blindlings auf Halbwissen und auf Wissen aus zweiter Hand zu verlassen.
Bei der Stellensuche hat sich die schriftliche Bewerbung über die Jahre zum Quasi-Standard entwickelt. Dieser wird als so selbstverständlich hingenommen, dass seine Effektivität erst gar nicht mehr hinterfragt wird.
Stellensuchende leiden zumeist unter einem Lock-in-Effekt, d.h. sie wurden jahre- und jahrzehntelang an einen vordefinierten Standard gewöhnt und sehen die Bewerbung als die einzige und allen anderen überlegenenen Stellensuchverfahren an. Die Suche nach anderen Verfahren wird unterlassen oder sie wird als zu unbequem angesehen.
Sicher stimmt es, dass die Bewerbung anderen Stellensuchverfahren überlegen ist, allerdings nur aus der Perspektive der Bewerbungsindustrie, die sich mittlerweile zu einem großen, allerdings unproduktiven Wirtschaftsfaktor aufgebläht hat. Inzwischen auch durch massive staatliche Förderung, indem sie dafür gesorgt hat, dass ihre Standards in die Gesetzgebung eingeflossen sind. Eine bessere Methode zur Sicherung des Einkommens dieser „Industrie“ gibt es kaum. Ebenfalls ein Lock-in-Effekt. Gewissermaßen kann auch von einer riesigen staatlich gestützten ABM für ein Meer an vermeintlichen Personal- und Bewerbungsexperten gesprochen werden, die an anderen Stellen gescheitert sind und – größtenteils in Ermangelung einer Alternative – sich der Bewerbungsindustrie zugewandt haben.
Aus Sicht des Stellensuchenden zementiert die Bewerbungsindustrie eher die Ursachen von Angst und Unsicherheit im Umgang mit dem Arbeitsmarkt, indem sie ihnen immer engere Verhaltensstandards aufzwingt, die gegen die menschliche Natur gerichtet sind. Stellensuchende greifen aus der steigenden Angst, alles falsch zu machen, willfährig zu den vermeintlich heilbringenden und nicht gerade kostenlosen Dienstleistungen der Bewerbungsindustrie. Werden trotzdem weiterhin negative Erfahrungen gemacht, dreht sich die Abwärtsspirale, die zu verminderter oder fehlgeleiteter Aktivität führt, für sie immer schneller.
Wenn nicht jegliche Aktivität ohnehin schon erlahmt ist, dann werden alle Anstrengungen darauf konzentriert, die Effizienz bei der Bewerbung zu erhöhen, anstatt sich Gedanken um deren Effektivität zu machen und sich nach Alternativen umzusehen. Das ist in etwa so als erhöhte man die Gewinnchancen beim Lottospielen um 100% - indem man zwei statt einen Tippschein abgibt.
Beim Lotto verhält sich diese „Strategie“ laut eines Wikipedia-Eintrags http://de.wikipedia.org/wiki/Lotto#Gewinnwahrscheinlichkeit_f.C3.BCr_Euro-Millionen wie folgt:
5 Richtige ohne Zusatzzahl geben 2.700 Euro, 5 Richtige mit Zusatzzahl 43.700 Euro – ich würde sagen, ab dann kann man das als „beträchtlichen Gewinn“ bezeichnen. 6 Richtige ohne Superzahl geben 466.000 Euro, 6 Richtige mit Superzahl 5.244.000 Euro.
Bleiben wir bei den 5 Richtigen mit Zusatzzahl und der Gewinnwahrscheinlichkeit: 0,000042907%. Die doppelte, drei-, vier-, fünffache Wahrscheinlichkeit durch eine höhere Anzahl an Tippscheinen ist immer noch nahe Null. Nicht umsonst wird Lotto von manchen als sog. „Dummensteuer“ bezeichnet.
So weit würde ich beim Bewerbungssystem nicht gehen, denn die Ineffktivität von Bewerbungen ist nicht so einfach zu erkennen wie die Aussichtslosigkeit des Lottospiels, vor allem, wenn man jahre- und jahrzehntelang mit der Ansicht sozialisiert worden ist, Bewerbungen seien das Nonplusultra der Stellensuche.
Hilfreich für den Erwerb des relevanten Wissens ist die gezielte Untersuchung folgender Fragen:
- Ist die angesprochene Person nur auswahlbefugt oder entscheidet sie über eine Einstellung?
- Welche Wege gibt es, die Entscheider über Einstellungen und ihr Umfeld persönlich kennenzulernen?
- Wie funktioniert zwischenmenschliche Kommunikation eigentlich?
- Ist der Weg über elektronische Medien oder den Schriftverkehr wirklich geeignet, um einen Arbeitgeber bzw. Stellensuchenden kennenzulernen?
- Welche Wege gehen Mitarbeitersuchende, um interessante potentielle Mitarbeiter kennenzulernen?
- Was zählt bei einem Menschen zu den wichtigsten Auslösern von Entscheidungen?
- Was löst Einstellungsentscheidungen wirklich aus? – Sind es wirklich Lebenslauf, Anschreiben, Foto und Vorstellungsgespräch oder ist es doch der persönliche Eindruck aus einem unverbindlichen Kennenlernen auf gleicher Augenhöhe?
- Welche Information ist verlässlicher? Die, die ich mir selbst vor Ort aus erster Hand hole oder die, die mir Dritte mit von meinen Interessen abweichenden Intentionen vermitteln wollen?
Die Antworten auf diese Fragen erfordern eine gezielte Suche nach der richtigen Information. Die Information ist vorhanden, aber etwas schwieriger auffindbar und aus dem unsäglich lauten und bunten Rauschen der Bewerbungsindustrie auszufiltern.
Hilfreich bei der Suche danach ist es, bei allem, was man unterwegs an Informationen findet, zu hinterfragen, wer derjenige ist, der diese Information verbreitet und warum er das tut. Im Wissen über die Antworten auf diese Fragen, erfordert die aktive Ansprache von Menschen, die das beruflich tun, was interessant und spannend ist, schon sehr viel weniger Mut und Selbstbewusstsein.

